11. Dezember 2018

AKTUELLES

Hartkirchnerin erlebte Krieg im Jemen:

„Wir hörten die Bomben der Saudis“

Der Krieg in Syrien ist bei uns - auch wegen der Flüchtlinge - fast täglich in den Schlagzeilen. Im Jemen tobt seit 2015 ein kriegerisches Gemetzel, das in Europa kaum wahrgenommen wird. MMag. Dr. Sigrid Lamberg (40) aus Hartkirchen hat die Kämpfe im Jemen hautnah erlebt. Sie war 25 Kilometer von der Front entfernt für „Ärzte ohne Grenzen“ im Einsatz  und hörte die vielen Bombenangriffe.


Viele „Ärzte ohne Grenzen“-Helfer kümmerten sich 2017 beim großen Cholera-Ausbruch im Jemen um die Opfer. Foto: Martin Shaher, MSF

Sigrid Lamberg spricht drei Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch) und hat drei Studien abgeschlossen (Soziologie, Betriebswirtschaft, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften), doch sie ist keine Theoretikerin, sondern eine Humanistin, die es immer wieder vom Schreibtisch in die raue Wirklichkeit hinauszieht.
Die 40-jährige Landwirtstochter aus Hartkirchen war seit 2010 für die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ dreimal im Kongo, zweimal auf Haiti, im Tschad und in Südsudan. Bis Juni arbeitete Lamberg vier Monate lang im südlichen Jemen als Projektleiterin in einem von „Ärzte ohne Grenzen“ unterstützten Krankenhaus. „Ich war dafür zuständig, dass das Werkl läuft,“ erzählt Lamberg.
Das „Werkl“ ist ein Spital mit 76 Betten, in dem 1.000 bis 1.500 Behandlungen pro Monat durchgeführt werden. Sigrid Lamberg: „Die Patienten sind großteils Verwundete durch Schüsse, Luftangriffe, Minen oder Granatsplitter. Die Teams führen viele Amputationen und auch Notkaiserschnitte durch.“
Das Gesundheitswesen im Jemen ist durch den Krieg  fast völlig zusammengebrochen. Das Personal in den staatlichen Einrichtungen hat seit zwei Jahren kein Gehalt mehr bekommen, Impfkampagnen wurden eingestellt. Es gibt keine medizinische Gratisversorgung, und da die Mehrheit der Bevölkerung in größter Armut Hunger leidet, ist sie von ärztlicher Versorgung ausgeschlossen.
Hier springt „Ärzte ohne Grenzen“ ein, deren Mitarbeiter in 13 Krankenhäusern tätig sind und weitere 20 Gesundheitszentren in elf Provinzen unterstützen. Zu tun gibt es genug. Von den 27,4 Millionen Menschen im Jemen sind 22 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Den jemenitischen Krieg nähren verschiedenste Interessen. Unter anderem geht es um die Vorherrschaft auf der Arabischen Halbinsel. Eine von Saudi-Arabien angeführte Allianz mehrerer Staaten bekämpft die so genannten Huthi-Rebellen, die gewaltsam die Regierungsmacht an sich gerissen haben.
Das Spital Sigrid Lambergs befindet sich 25 km von der Frontlinie entfernt. „Ich selbst war nie wirklich in Gefahr, aber die Lage war sehr instabil. Es hat in der Nähe immer wieder Anschläge gegeben. Wir haben die Bomben und Kriegsflugzeuge der Saudis gehört. Die Verletzten sind zu uns gebracht worden,“ sagt die Linzerin, die wegen der Sicherheitslage und zur Beobachtung der Frontlinie ständig mit den Behörden und den verschiedenen Konfliktparteien in Kontakt war. „Diese Kommunikation hat gut funktioniert.“ Dass das nicht immer so ist, hat sich 2016 gezeigt, als bei einem Luftangriff auf ein Krankenhaus 19 Menschen getötet und 29 verletzt worden sind. Unter den Toten war auch ein Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“.
Sigrid Lamberg schreckt das nicht ab. Sie will nicht ausschließen, dass sie ein weiteres Mal für „Ärzte ohne Grenzen“ in ein Notstandsgebiet auf Reisen geht. Vorerst geht die dreifache Akademikerin in Linz einem ungefährlichen, aber auch wichtigen Job nach. Sie ist Leiterin der Aus- und Weiterbildungsakademie von Proges, einer Einrichtung, die in mehreren Gesundheitsbereichen aktiv ist.
2012/13 war Sigrid Lamberg als Lehrende an der Universität in der afghanischen Hauptstadt Kabul tätig, wo sie Wirtschaftsstudenten unterrichtete.
Wie die weltweite humanitäre Hilfe von „Ärzte ohne Grenzen“ funktioniert, kann man von 10. bis 21. Oktober  (10 - 18 Uhr) am Linzer Pfarrplatz bei der Ausstellung „Hilfe aus nächster Nähe“ erleben. In zehn Zelten, Holzbauten und einem aufblasbaren Spital wird die Arbeitsweise der Hilfsorganisation gezeigt.