LANDLER/IN DES MONATS
Dominik Barta

Die aktuelle Fragestellung des „Zeit”-Wettbewerbs lautete: „Welche Wahl lässt uns die Krise?” In politischen Essays sollten die Leser der Wochenzeitung mit Sitz in Hamburg Antworten darauf vorlegen. 870 Beiträge aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechien, Chile, USA, China und Ghana erreichten die Redaktion. Vier Wochen lang grübelte eine Jury unter dem Vorsitz von „Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über den Einsendungen. Dann wurde einstimmig der Sieger gekürt: Dominik Barta.
Der Text des jungen Prambachkirchners befasst sich auf originelle Weise und nicht ohne Humor mit dem Lotterleben eines Pseudo-Studenten. Alles dreht sich um die Frage: Was ist eigentlich gerecht? Ein altes philosophisches Thema mit einer großen wirtschaftlichen Komponente, das nie an Aktualität verliert und durch die Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch eine Krise des Kapitalismus und der Ethik ist, wieder einmal an Diskussionswürdigkeit gewonnen hat.
Bei aller Liebe zur Geisteswissenschaft führte Dominik als Student nie ein „abgehobenes” Leben. Er kennt von Ferienjobs als Kellner, Arbeiter und Verkäufer auch den Berufsalltag. „Ich war schon immer ein Idealist und habe sehr gerne und fleißig studiert,” sagt der 26-jährige, der als Jugendlicher den großartigen wie exzentrischen Autor Thomas Bernhard verehrte.
Dominik Barta spielt sehr gut Klavier, spricht Spanisch und studierte auch ein halbes Jahr in Granada. In der Berufsplanung ist der Sohn eines Hauptschullehrers und einer Altenpflegerin, der einst mit der Schauspielerei liebäugelte, noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Die Jobsuche geht erst so richtig los. Fest steht allerdings, dass die Edelfeder im Sommer ein dreimonatiges Praktikum in der „Zeit”-Redaktion absolvieren wird. Das gibt’s als Draufgabe zum Preisgeld von 500 Euro.
Von Andreas, meiner Mutter und 306 Pferden
Im Zuge der von allen Seiten proklamierten Finanzkrise war es für mich unerlässlich geworden, einmal gründlicher über meinen Wohnungskollegen Andreas nachzudenken. Ich war nun bereits das fünfte Jahr sein und seines Bruders Untermieter, benützte ihr Bad und ihre Küche, labte mich an den Essensvorräten ihrer Mutter und surfte an ihren Computern im Internet. Alles in allem war unser Verhältnis sehr entspannt: Andreas’ Bruder ging jeden Tag zur Arbeit, ich ging jeden Tag an die Uni, und Andreas? – Andreas tat nichts!
Schon bald nach meinem Einzug bemerkte ich, dass Andreas viel fernsah, sehr viel einkaufte und überhaupt ein äußerst amüsantes Leben führte. Offiziell war er für ein naturwissenschaftliches Studium immatrikuliert, doch inoffiziell verwendete er seine Zeit dafür, bei eBay DVD-Player und Fahrradreifen zu bestellen, und manchmal, wenn er besonders gut gelaunt war, ließ er zweimal am Tag den Pizzadienst in unsere schicke Wohnung im vierten Stock laufen.
Ich beobachtete dieses Verhalten eine Weile und fragte mich, woher Andreas all das Geld nahm, doch bald wurde mir bewusst, dass jeder Euro von seinen Eltern kam, die offenbar kein Problem damit hatten, wenn Andreas ihr Geld in Mischpulte, Festplatten, ein Rennrad, zwei Lederjacken und drei Illustrierten-Abos steckte. Aufmerksam stellte ich fest, dass Andreas bis Mittag unter seiner blauen Daunendecke hockte, dann Die Simpsons und eine Zoosendung durchaus nicht verpassen wollte und schließlich so um vier schick angezogen aus dem Zimmer trat, um mit seinem Auto ein wenig durch die Stadt zu fahren.
In mir regte sich Unmut, doch weil ich Andreas sympathisch fand, sagte ich mir: »Andreas ist ein postmoderner Dandy, und du bist ein bisschen neidisch!« Nun ist der klassische moderne Dandy tatsächlich überhaupt keine unsympathische Figur. Baudelaire, der Pariser Flaneur, warf zwar das Geld seiner Eltern zum Fenster hinaus, doch er schrieb prekäre Gedichte und stützte sich beim Spazieren auf einen überaus mondänen Gehstock. Oder man denke an Monsieur Swann, den Schürzenjäger, der allen Frauen nachstieg. Auch ihm kann man in seiner romantischen Trägheit unmöglich böse sein. Swann und Marx gingen durchaus auf demselben Gehsteig oder Trottoir. Ich stellte mir Swann vor, wie er mit Marx in der Stadt flanierte, und wenn sie an einer Textil-Fabrik vorbeikamen und durch die Fenster lugten, dann sah Marx Schweiß und Entfremdung, Swann hingegen erspähte hinter den Nähmaschinen große und kleine Brüste, süße Lippen und verführerische Augen.
Aber war Andreas so wie Swann? Ich musste mir, um meiner Eitelkeit genüge zu tun, eingestehen, dass ich viel mehr Damen um den Finger wickelte als Andreas.
Eines Tages nahm mein Unmut ein so großes Ausmaß an, dass ich mich bemüßigt fühlte, irgendwie einzuschreiten. Lag in der Lebensweise meines Wohnungskollegen nicht eigentlich ein Affront gegen mich und die Gesellschaft, und konnte man das von einem ethischen Standpunkt nicht zu Recht bedenklich finden? Ich lief in sein Zimmer. Andreas lag in seinem Bett und las in der Bedienungsanleitung zu dem neuen Auto (BMW 3, 306 PS), das ihm seine Eltern überlassen hatten. Ohne recht eine Einleitung zu finden, sprach ich ihn an: »Andreas – findest du nichts dabei, den ganzen Tag im Bett zu liegen? Du studierst nicht, du arbeitest nicht, du schreibst keine Gedichte, aber das Geld deiner Eltern, das verbrätst du ganz ungeniert!«
Andreas hob verwundert den Kopf und betrachtete mich eine Zeit lang still. Er hatte sich in seine schöne blaue Decke gewickelt, obwohl es frühsommerlich warm war. Dann antwortete er: »Ist es nicht so, dass deine Mutter in einem Sportfachgeschäft an der Kasse steht und arbeitet, damit du studieren kannst?« Ich nickte mit dem Kopf. »Und ist es nicht so, dass deine Mutter diesen Job bekommen hat, weil ihre Firma gute Umsätze macht?« Ich nickte. »Und macht die Firma deiner Mutter nicht deshalb so gute Umsätze, weil ich zum Beispiel so verrückt bin, mir drei Fahrräder zuzulegen?« Ich nickte abermals. »Und könnte man nicht folglich sagen, dass du nur deshalb deinen Studien nachgehen kannst, weil ich wieder einmal nichts Besseres zu tun hatte, als mir ein Rennrad zu kaufen?« Ich verließ das Zimmer mit geschwollenem Kragen.
Mir schien seine Argumentation irgendwie richtig. Doch ich konnte meinen Unmut damit nicht vergessen: War es mir tatsächlich nur deshalb vergönnt zu studieren, weil sich Andreas gnädigerweise zwei neue Tennisschläger im Geschäft meiner Mutter besorgte?
Warum ließ mich dieses Ergebnis nicht aufatmen? Weil ich eine Ungerechtigkeit darin witterte, dass meine Mutter zur Etablierung meines Lebensstils arbeiten musste, während sich Andreas diese Arbeit ersparen konnte? Doch ich selbst arbeitete ja auch nicht! Im Grunde lebten wir beide vom Geld unserer Eltern, nur dass ich mir ob meiner schlichteren Lebensführung eine verworrene ethische Nobilität zubilligte. Mein Unmut wuchs sich zum Unbehagen aus. So stieg ich aufs Rad und fuhr in den Prater, um dort zu joggen.
Auf der sonnigen Allee ritt mir ein Einspänner entgegen. Eine attraktive junge Reiterin trieb ihr schwarzes Pferd durch die Kastanien, und mir fiel plötzlich etwas ein. Der BMW, den Andreas’ Eltern ihrem Sohn überlassen hatten, verfügte über 306 PS. Ich war frappiert von der Vorstellung von 306 schwarzen Hengsten, die über die Hauptallee des Praters liefen. Ich versuchte mir die enorme Anzahl von Pferden vorzustellen und dann die kleine Kutsche dahinter. Doch in meiner Vorstellung saß darin nicht die hübsche Reiterin, sondern mein Wohnungskollege Andreas. Was für ein Gepränge, dachte ich. Wenn Andreas durch die Stadt fuhr, um ein bisschen Shopping zu machen, dann ging ihm diese Armada von Pferden voran, und die Rossknödel, die sie hinterließen, bedeckten die ganze Fahrbahn. Schlagartig meinte ich eine Metapher für mein Unbehagen gefunden zu haben.
Ich lief zurück zum Fahrrad, radelte nach Hause und sprang ins Zimmer von Andreas, der sich nicht vom Fleck bewegt hatte. Wie zuvor studierte er die Bedienungsanleitung seines Wagens: »Andreas! Obwohl du nichts arbeitest und nichts studierst und keinen anderen Beitrag zur Unterstützung unserer Gesellschaft leistest, als jeden Tag irgendeinen Schnickschnack einzukaufen, fährst du ein Auto, das über 306 PS verfügt. Dies entspricht dem Aufwand von 306 Pferden, und spannte man diese Pferde an eine Kutsche und gruppierte man sie in Sechserreihen, so bedürfte es 51 Reihen. Käme dir ein anderer Bürger mit einem ähnlichen Gespann entgegen – nicht auszudenken die Verwirrungen und Verwicklungen. Alle Pferde würden sich vor Schreck Erleichterung verschaffen, und die Fahrbahn wäre im Nu übersät mit über 600 dampfenden Rossknödeln. Und dies alles nur, damit du ein bisschen Shopping machen kannst.«
Andreas grinste ein bisschen, dann sagte er: »Aber was bringen sie dir eigentlich auf deinen Fakultäten bei? Dass sich ein BMW mit 306 PS in Pferdegespanne übersetzen lässt? It’s the technology, stupid! Technologie ermöglicht, mit 306 Pferden durch die Stadt zu fahren und doch nur in einer kleinen Kiste zu sitzen! Ein BMW ist eben kein Pferdegespann! Zum Glück! Aber um bei deiner kleinen Metapher zu bleiben: Gerade weil ich mit 306 Pferden so pompös durch die Stadt kutschiere, lebst du hier in dieser feinen Wohnung und findest Zeit für aberwitzige Vergleiche!«
Ich verließ Andreas’ Zimmer, doch mein Unbehagen in der Kultur nahm ungeahnte Ausmaße an. Meine wie eine Biene arbeitende Mutter, mein hehres Studium der Philosophie, die mit Pferdedreck verschmutzte Straße, Andreas in seiner blauen Daunendecke, der schalmeiende Swann und der schimpfende Marx vermischten sich in meinem Kopf zu einem unbehaglichen Zustand. Ich legte mich in mein geräumiges Bett und stürzte, es lässt sich kaum anders ausdrücken, in die Krise.

