22. Mai 2012

AKTUELLES

Grieskirchner Schüler geben Studenten „Nachhilfe"


Im Stadtzentrum von Kharkiv befindet sich der größte Platz Europas (Bild). Er misst elf Hektar und ist damit dreimal so groß wie der Petersplatz in Rom. Auf diesem Platz könnte man 14 Fußballfelder errichten. Der Fußballklub Sturm Graz hat übrigens in der Qualifikation für die Europa-Liga den Verein Metalist Kharkiv besiegt.

Kommt in der Ukraine ein Patient in eine Apotheke und schildert seine Beschwerden, kann sich der Pharmazeut in keinem Computer Rat holen. Er muss in Büchern nachschlagen, welches Medikament in diesem Fall wohl das richtige sei. Das ist der Apotheker vom Studium an der Uni gewohnt, denn auch dort hat der Computer die Bücher noch nicht verdrängt. Das soll sich nun ändern. Drei Maturanten der HTL-Grieskirchen arbeiten an einem Prototyp für ein elektronisches Beratungssystem für Pharmazeuten sowie einem elektronischen Lern- und Prüfungsmodul für die Universität.

Eingefädelt hat diesen außergewöhnlichen Coup Dipl. Ing. Peter Anzenberger. Der 49-jährige Linzer war 15 Jahre lang als Entwickler von Datenbanken selbständig und unterrichtet seit fünf Jahren an der HTL Grieskirchen. „An mir kommt kein Schüler unserer Schule vorbei,” lacht der studierte Informatiker, der den Fünftklasslern den letzten Feinschliff in Sachen Datenbanken und Projektentwicklung verpasst. Und das ist gut so, denn Anzenberger legt, so wie seine Lehrerkollegen, größten Wert auf praxisnahen Unterricht. „Außerdem ist es meine Intention, nicht nur die HTL Grieskirchen, sondern auch unser berufsbildendes Schulsystem international bekanntzumachen,” erzählt der Pädagoge. „Deshalb halte ich mit unseren Maturanten regelmäßig auf internationalen Konferenzen Vorträge über Projekte und Diplomarbeiten.”

Die Fäden in die Ukraine hat Tausendsassa Anzenberger, der perfekt Russisch spricht, über Tirol gesponnen. Er befasst sich nämlich im Rahmen von Studien der Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik (UMIT) in Hall mit der pharmazeutischen Versorgung in ländlichen Gebieten Europas. Dabei kam er in Kontakt mit der Führungsebene der pharmazeutischen Universität in Kharkiv.

Die ukrainischen Wissenschaftler an der Abteilung für klinische Pharmazie waren von Anzenbergers Know-how schnell überzeugt und vereinbarten im Juni die Zusammenarbeit mit der HTL Grieskirchen. Seither arbeiten die drei Maturanten Kevin Hochhauser aus Kematen am Innbach, Manuel Windhager aus Riedau und Thomas Froschauer aus St. Florian am Inn mit Professor Anzenberger und großem Nachdruck an der Konzeption und Umsetzung des Beratungs- und Lernprogramms. Auch in den Ferien wurde gebüffelt.

Mit den Auftraggebern kommuniziert man vor allem über E-Mail. Die besondere Herausforderung ist, dass man sich nur in Englisch verständigen kann. Anzenberger: „Deshalb haben wir Englischprofessor Christoph Mattle in das Projekt miteingebunden. Es wird die erste Diplomarbeit in Englisch an unserer Schule.” Weitere Schwierigkeit: Das zu erarbeitende Programm muss klaglos auf russischen Windows-PCs laufen.

Die Aufgabe für die Grieskirchner Schüler ist nicht nur spannend und schwierig, sie lohnt sich auch. 10.000 Dollar lassen sich die Ukrainer das Projekt kosten. Abzüglich der Spesen werden für jeden der drei 18-jährigen Maturanten 1.000 bis 1.500 Dollar übrigbleiben. Ein schönes Startkapital für den weiteren Berufs- oder Studienweg.

Ende November präsentieren die Grieskirchner ihre ersten Arbeitsergebnisse auf einer Gesundheitskonferenz in Kharkiv. „Wir freuen uns darauf, unseren Auftraggebern erstmals direkt gegenüber zu stehen, sind aber auch schon ein wenig nervös,” gesteht das Trio.

Kharkiv, auch Charkow genannt, liegt im Nordosten des Landes und ist mit fast 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Ukraine und Bildungshochburg. Die mehr als 40 Universitäten und Hochschulen der Stadt werden von 200.000 Studenten besucht.