22. Mai 2012

AKTUELLES

Genussexpedition im „Land der Freien“


Diese „Gurkerln” passen in kein Glas: Stefan Hamedinger auf einer Gemüsefarm. „Frische ist das wichtigste Qualitätsmerkmal, weit wichtiger als Bio”, beobachtete er.

Als einziges Land Südostasiens konnte das Königreich Siam dem Kolonialismus trotzen und behielt seine Unabhängigkeit. 1939 nahm es den Namen Thailand an - was nach einer beliebten Volkslegende „Land der Freien” bedeutet. Seine Lebensgrundlage war über Jahrhunderte Landwirtschaft und Fischerei, der Reisanbau eine der wichtigsten Nahrungsquellen. Und obwohl sich die Bevölkerung in den letzten fünfzig Jahren auf knapp 70 Millionen  verdreifacht hat, kann das Land sie alle ernähren - auch dank eines leistungsfähigen Agrarsektors.
Diesen wollten im Rahmen einer Fachexkursion 36 Mitglieder des Bundesgemüsebauverbandes Österreichs kennenlernen. Sein Geschäftsführer Stefan Hamedinger organisierte die Reise. Er ist Mitarbeiter der Bezirksbauernkammer Eferding, entsprechend stark war mit gut einem Drittel der Teilnehmer die Delegation aus dem Landl. Die erste Station war Bangkok, der erste Höhepunkt der Besuch des größten Obst- und Gemüsegroßmarktes Südostasiens. 800.000 Quadratmeter nimmt der Talad Thai-Markt in Anspruch, und er soll noch doppelt so groß ausgebaut werden. Was aber die Reisegruppe am meisten in Erstaunen versetzte: Die Händler waren ausschließlich Frauen. Sie bestreiten in vielen Bereichen das Wirtschaftsleben. Auch am Hof ist für Machos wenig Platz. Die Frau führt den Betrieb, dafür dürfen die Buben und Männer im Haushalt mithelfen, Wäschewaschen und Bügeln inklusive.
Der Ablauf des Markthandels sorgte für die nächste Überraschung: Die Verhandlungen über Preise, Mengen und Termine werden ausschließlich mündlich durchgeführt. „Wer sich zu viele Notizen macht, signalisiert, dass er seinem Gegenüber misstraut”, beobachtete Sonja Niederwimmer aus Wallern. Umso genauer ist die Kontrolle der Lieferung.
Riesig ist die Auswahl an Bambus, Kokos und Reis, wichtig sind die vielen frischen Kräuter, wie Thai-Basilikum und Zitronengras. Die Präsentation ist ein Augenschmaus. Kunstvoll sind etwa Pyramiden von Rose-Apples, einer an unsere Äpfel erinnernden Zitrusfrucht, aufgeschlichtet. Sonja Niederwimmer: „Damit es appetitlicher aussieht, binden Mädchen am Markt sogar einzelne Weintrauben zu einer neuen Rispe.” Nichts geht über die Frische der Produkte. „Frische bedeutet hier nicht innerhalb der Mindesthaltbarkeit, Frische heißt erntefrisch - und das schmeckt man”, war Stefan Hamedinger begeistert. Und noch eine Überraschung gab es. Ein exotisches, bislang in Thailand unbekanntes Gemüse hält Einzug in die Küchen der Oberschicht - der Erdapfel. Hamedinger:„Er ist dermaßen en vogue, dass er sogar einzeln in Netze verpackt verkauft wird.”
Die nächste Reisestation war eine Lotusfarm, die man per Boot auf Klongs, vor langer Zeit angelegte Wasserstraßen, erreicht. Blumenfarmen sind wichtige Wirtschaftsfaktoren. So darf man beispielsweise in Tempeln Buddha nur mit einer Lotusblüte oder einer Orchidee gegenübertreten. Aus den Stängeln der Lotuspflanze werden außerdem Fäden gezogen, versponnen und zu Stoff für Mönchsgewänder verwoben - ein Meter  kostet 150 Euro.
Über das ganze Land zieht sich ein Netz von über 1.000 königlichen Versuchsfarmen. Ihre Gründung verdanken sie dem Verbot des Opiumanbaus. Um den Bauern Alternativen zu bieten, wurde hier der Anbau vieler Obst- und Gemüsesorten gelehrt, neue Methoden und neue Sorten werden ausprobiert. Das erhöht die Produktivität und sorgt für Exporterfolge. Nahrungsmittel werden in alle Nachbarstaaten und vor allem nach China ausgeführt, Orchideen nach Japan, Frankreich und Italien. Aber Globalisierung ist keine Einbahnstraße. Auch wenn die Thais überzeugt sind, ihr Knoblauch sei unübertroffen im Geschmack, der chinesische ist einfach billiger.
Im bergigen Norden Thailands fanden die Besucher noch unverfälschtes Bauerntum. Alte Sorten, Selbstversorgung und Handarbeit prägen das Bild genauso wie herzliche Gastfreundschaft. Doch die Moderne bedroht das Idyll. In Zentralthailand gibt es die ersten maschinell angebauten Reisfelder, die eine jahrhundertealte Tradition beenden könnten. „Damit wird Thailand bald mit denselben Problemen wie die westliche Landwirtschaft konfrontiert sein”, so Stefan Hamedinger. Das bedeutet: Landarbeiter verlieren ihre Jobs, Großbetriebe bedrängen die kleinstrukturierte Landwirtschaft, Kostendruck durch niedrige Weltmarktpreise und Umweltprobleme - das ist den österreichischen Bauern wohlbekannt.

 

Ein Blick in den größten

Obst- und Gemüsemarkt

in Bangkok. Hier decken

sich die Küchenchefs der

Restaurants genauso ein

wie der chinesische Großhändler.