22. Mai 2012

AKTUELLES

Heimischer Dialekt lebt und wird gepflegt

Landler Mundart ist ein Schatz

Mundart hat in unserem Land einen festen Sitz. Bei„simseidan“ (= zimperlich) oder „loamlackad“ (= fad) verstehen aber die meisten Oberösterreicher „Bahnhof“: Das ist ureigener Landl-Dialekt! Dass die Mundart enorm variantenreich, pointiert und gar nicht altmodisch ist, lesen Sie auf dieser Doppelseite.

In Österreich gibt es acht Landeshymnen (Wien hat keine eigene) - und nur eine einzige ist in Mundart verfasst: Welche? Natürlich die oberösterreichische! Und spätestens bei der 2. Strophe („Duri s’Tal bin i glafn…) steigt Rest-Österreich aus - von den ausländischen Gästen ganz zu schweigen. Die OÖ-Landeshymne Franz Stelzhamers entstand in einer Zeit, als das Innviertel (ober)österreichisch wurde. Als Innviertler und mit breitem Bauernstolz ausgestattet, lieferte Stelzhamer damit Oberösterreichisch pur, ebenso wie mit folgendem Gedicht: „Frisch außa, wias drin ist, net kriacha am Bauch, ins G’sicht schaun und d’Händ gebn ist Oberöstreicha Brauch“.

Zwar sind im OÖ-Zentralraum Dialekt und Umgangssprache fließend, doch Mundart hat einen festen Sitz: „Sie ist ein Identifikationsmerkmal und schon fast zuviel. Sie dominiert auch an Schulen und an der Uni, sodass Hochsprache vernachlässigt und oft gar nicht mehr richtig erlernt wird“, weiß Sprachforscher Mag. Stephan Gaisbauer vom Stifterinstitut in Linz. Er arbeitet an einem umfassenden OÖ-Sprachatlas, der bis zum Jahr 2012 fertig sein soll.

Oberösterreichs Mundart ist breit angelegt: 31.000 Mundartwörter hat Dr. Wolfgang Stöckl aus Regau in 40-jähriger (!) Arbeit im Lexikon „Die Mundart. Zwischen Hausruck und Mondsee“ zusammengetragen. Der Stelzhamerbund, die Gruppe „neue mundart” und kritische Dichter wie Fritz Lichtenauer und Hans Kumpfmüller pflegen auf ihre eigene Art den Dialekt. Der Linzer Fritz Lichtenauer: „Lautmalerischer Reichtum, Vielfalt und Sprachwitz sind enorm. Gstanzln sind in der Hochsprache undenkbar, durch ihre Direktheit können sie aber auch verletzen”.

Dass alte Dialektwörter aussterben, etwa wenn es die bezeichneten Gegenstände nicht mehr gibt, gehört zum Wesen von Sprache. Dafür verleiben Jungendliche dem Dialekt neue Begriffe ein. Lichtenauer: „Ein Schüler nannte ein Computer-Keyboard ,Tastenbrettl’ . Typisch Dialekt - einfach und treffsicher!”

In einem sind sich Wissenschaft, Kunst und Volksmund einig: „Mundart ist ein zeitloser Schatz, den man pflegen muss!“

LANDL-DICHTERIN AM WORT

Die gebürtige Grieskirchnerin Angelika Jedinger entdeckte früh ihre Liebe zur Mundart. Im „Landl” schreibt die 28-jährige Autorin über ihre liebste „Fremdsprache” und präsentiert Kostproben ihrer Dichtkunst.


Die Mundart nimmt in meinem Sprachgebrauch einen besonderen Stellenwert ein, nicht nur im gesprochenen, sondern - für mich als Dichterin - auch im geschriebenen Wort. Es ist der emotionale Zugang, die Vertrautheit mit den Dialekt-Lauten von Kindheitstagen an, das Gefühl der Zugehörigkeit zu meiner Heimatregion, die mich schon in meinen schriftstellerischen Anfängen bewogen haben, mich nicht nur im „gelernten” Hochdeutsch, sondern auch in meiner „Großmutter-Sprache” auszudrücken.

Mit der Auszeichnung des Schatzdorfer-Mundart-Literaturpreises im Jahr 2001 durfte ich erstmals meine Dialekt-Gedichte in der Öffentlichkeit vortragen. Es folgten Lesungen und 2006 trat ich dem „Stelzhamerbund” und der Gruppe „neue mundart” bei, die sich sehr für die Pflege, Erhaltung und Weiterentwicklung der Mundartdichtung einsetzen. Ich will die von vielen als verstaubt und unzeitgemäß angesehene Sprache mit neuen, aktuellen Inhalten füllen und dadurch aufwerten. Es geht mir um die Bewahrung der alten, ursprünglichen Mundart als originelles Werkzeug und Mittel der Kommunikation, die nur dann lebendig gehalten werden kann, wenn sie sich mit Themen der Gegenwart auseinandersetzt. Und dazu eignen sich kritische, hintergründige Gedichte besonders gut.

Ein weiterer Grund für mich, in Mundart zu schreiben, ist die faszinierende Tatsache, dass sie ein viel breiteres Spektrum an Nuancen und Abstufungen zulässt. Im Dialekt kann ich mit einem Wort oft viel besser ausdrücken, wofür es in der Schriftsprache nicht einmal eine annähernd so treffende Bezeichnung gibt. Der Mundart wird meiner Meinung nach fälschlicher Weise nachgesagt, sie sei eine grobe und karge Sprache. In Wirklichkeit ist sie bei bewusster Verwendung viel differenzierter und feiner, ausdrucksstärker und klarer als die hochdeutsche Einheitssprache.

Hier zwei unveröffentlichte Gedichte als Beispiele:

Bitter
Atzt nimm ih ma amoi
a Beispü an de Optimistn,
dann geht’s gleih weit leichter,
han ih ma gsagt.
Aba es is net bessa wordn,
wia ih aft des halblaare
Glasl Magnbitter
ois hoibvoi angschaut hab.

 
Summabänk
Auf da Summabänk
san ma gsessn mia zwoa
und ham unsa Glick ausbriat.
A weng spoarsama
hätt ma sei soin
mit da frisch gschlupftn Liab:
z’gieri ham ma’s vaschlunga -
is fian Herbst nix mehr bliebm.

Die diplomierte Werbeakademie-Absolventin Angelika Jedinger lebt heute in Rottenbach und arbeitet als Sekretärin. Ihre Leidenschaft ist das zweisprachige Schreiben - in Dialekt und Hochsprache. Sie liebt die Mundart, die so viel mit ihrer Herkunft und eben dem Leben zu tun hat. Von ihrem ersten und bisher einzigen Buch „Spiegelseele/Spiagöbüda” gibt es noch 20 Exemplare. Interessenten melden sich unter angelika_jedinger@hotmail.com


GSTANZLN

Drobm afn Beagal, wo dö Bam so schö blian,
raufn zwoa Glozköpf, dass Hoa a so fliang!
*
Da Fink sogt zan Zeisal und’s Zeisal zan Fink: in d’Stodt fliagn
man ned eine, weils do goa a so stinkt.
*
Wonn i mein Vodan a Kaiwö vatrink,
oft bitt i in Stia, das a d’Kua wieda springt.
*
Fuat in da Fria, hoam auf d’Nocht,
so hods mei Voda gmocht, fuat auf d’Nocht,
hoam in da Fria, so mochans mia.
*
I tua wos i wü und i tua wos i mog,
des oanzige ist, dass i mei Frau vorher frog.
*
Guadn Morgn Herr Pfoarra, wos mocht da Kaplan,
der liegt auf da Köchin und kraht wia a Hahn.
*
Wann i amoi heirat, dann heirat i siebm,
sechse zum Geldhertrogn oane zum liabm.
*
Und da Bäcka mocht Weckn und da Sattla de Schnoin
und de Gemeinde mocht Schuldn und mia könnans zoin.
*
D’Wirtin is schwanga und d’Kellnarin dick
und s’Kuchlmensch in da Hoffnung - de Leid hom a Glück.
*
Jo weil i so kloa bi, muass i mi fest rührn,
sunst tat mi a Großa in Hosnsock schiam.

aus: Fritz Lichtenauers „Darüber lacht Oberösterreich.
Witze-Anekdoten-Kurioses”, Ueberreuter 2006

SPRÜCHE

*
Iss, dass d’groß und stark wiasd, dumm bist e scho.

*
Lern wos, dass d’was zan
Vergessn host.

*
Über einen schmächtigen Burschen:
„Heast, dea hod Schuitan wia a Pannendreieck.
Dea schaut aus wia a umdrahts Cornetto.

*
Über jemand, der furzt:
Schö wird’s, hint reißt’s af.

*
Über schmerzende Füße:
Mi martern dö Huaf.

JUGEND & DIALEKT

> Cool. Den ganzen Tag höre ich nur „cool”, „urcool”, „geil” wettert die Oma mit ihrem Enkelsohn, der bei ihr ein paar Ferientage verbringt. „Bitte gewöhn dir diese primitive Ausdrucksweise wieder ab. Großvater würde sich im Grab umdrehen, wenn er dich hören würde”. Darauf der Enkel: „Wau, dös wa oba urcool”.

> Festplatte gelöscht. Die Computersprache ist längst bis in die entlegensten ländlichen Winkel vorgedrungen. Zwei etwas verkaterte Burschen kommen in ein Dorfgasthaus. Der eine zur Kellnerin: „Geh bring uns zwoa Reparaturseidl”. Die Kellnerin mit Kennerblick: „Aha, gestan zvü dawischd und d’Festplottn glöscht?” Der andere: „Jo, hoffentli springts noch dem Seidl wieda on”. Nach einiger Zeit verschwindet einer für längere Zeit auf der Toilette. Als er wieder kommt, stänkert sein Freund: „No, der Download hod owa long dauert” und ruft zur Kellnerin: „Bring eahm nu an Obstla zur Aktivierung des Anti-Virus und füa mi oan zur Vorbeugung”.

> Über einen Betrunkenen, dem der Kopf dauernd auf die Theke fällt: Loss’n geh, dea tuat nua Kopfrechna.

> Über Senioren: Schaudas on, dö Kalkstangen, dö Muppets.

> Über großwüchsige: Der konn ja aus der Dochrean saufn.

> Über Kleinwüchsige: Wonnst nu um zehn Zentimeter kleana warst, warst a Gruabm.

> Über jemand mit Zahnlücken: Der hod jo a Pappn wia a Totoschein – 1, 2, X.

> Über jemanden mit gänsehaut: Bei dir raufn si jo di Haar um an Stehplotz.